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Neue Wege--neue Chancen
Manfred Wöhrl
Nach einem Vortrag, gehalten am 27. September
1995 anläßlich der Informationstagung Mikroelektronik
1995 im Rahmen der viet 95.
Original in "e&i", 9/1995, Seite
461. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Springer-Verlags.
Univ.-Lektor Prof. Mag. Dr. MANFRED WÖHRL,
Leiter der Versuchsanstalt für Datenverarbeitung und des
Kommunikationszentrums für elektronische Medien, Spengergasse
20, A-1050 Wien.
1. Einleitung
Die Menschheit befindet sich nicht nur an der Schwelle
zu einem neuen Jahrtausend, sondern ist auch mitten in einer weltumspannenden
Revolution: Dem Wandel von der Industriegesellschaft zur Telekommunikationsgesellschaft.
Ungeahnte Möglichkeiten, Chancen und auch Gefahren entstehen
manchmal unerwartet für Großkonzerne ebenso wie für
den einzelnen. Staatliche und industrielle Modelle müssen
vollkommen überarbeitet werden und sich den neuen Gegebenheiten
anpassen. Durch die Telekommunikation entstehen neue Industriezweige,
ineffiziente Sparten sind zum Sterben verurteilt. Auf der anderen
Seite wird Information zum öffentlichen Gut und damit für
jeden Erdenbürger verfügbar. Künstlich geschaffene
Grenzen und Barrieren sind zum Scheitern verurteilt und damit
wirkt weltumspannende Telekommunikation auch in politischer Richtung.
Vereinzelt werden noch nationale Versuche unternommen, den Übergang
von lokaler zu globaler Denkweise zu unterbinden oder zumindest
zu behindern. Beispiele dafür sind die restriktiven Ausfuhrbestimmungen,
wenn es um spezielle Crypt-Codes oder allgemein um die Entwicklung
von Normen und Standards geht.
Denn eines ist klar: Die Öffnung des globalen
Informationsmarktes führt auch zur Nutzung derselben Technik
durch weltweit operierende kriminelle Organisationen. Als Beispiel
hierzu nur ein vor kurzer Zeit aufgedeckter Fall, bei dem unerlaubte
Schwarzkopien von Software in tausendfacher Ausfertigung in Fernost
durchgeführt wurden, illegale Kopien von Etiketten in den
Vereinigten Staaten und der Vertrieb nur in Europa durchgeführt
wurden. In solchen Fällen ist auch die nationale Rechtsprechung
meist überfordert. Mit dem Eintritt in das Zeitalter der
Telekommunikation werden neue Anforderungen an das Bildungswesen
gestellt: Von einem seit Jahrzehnten bewährten System eines
relativ starren und streng definierten Bildungswesens muß
der Übergang zu einem flexiblen System gefunden werden, das
der hohen Dynamik der Telekommunikationsentwicklung gerecht werden
kann. Der Unterrichtende im schulischen und universitären
Bereich muß sich der extrem schnellen Veränderungen
des Marktes und dessen neuen Anforderungen ebenso anpassen, wie
der Schüler und Student. Dabei müssen alle Quellen der
modernen Telekommunikation ebenso ausgeschöpft werden, wie
Tele-training, multi-mediale Hilfsmittel usw.
2. Teleworking
Schon im Ausbildungsbereich muß der Wandel
der Arbeitswelt präsentiert und auch geübt werden. Von
der flexiblen Arbeitszeit bis zum flexiblen Arbeitsplatz sind
deutliche Trends der Wirtschaft zu erkennen. In der Ausbildung
tritt zunehmend der projekt- und fächerübergreifende
Unterricht in den Vordergrund. In den nächsten Jahren wird
eine Fortsetzung dieser Methoden in schulübergreifenden und
internationalen Kooperationen und Schülerprojekten ihren
Niederschlag finden: es entsteht ein globales Klassenzimmer als
Übung für die virtuellen Büros der Wirtschaft von
morgen. Lehrer und Professoren stellen Aufgaben im Netzwerk, die
Antworten werden per E-Mail übermittelt. Dabei spielt die
Frage der Security eine ebenso bedeutende Rolle wie in der Praxis:
"Stammt die Antwort auch wirklich von der Person, die als
Absender aufscheint?" Methoden der digitalen Unterschrift,
z. B. durch einen RSA-Algorithmus mittels PGP (Pretty-Good-Privacy)
[1] sind in einer ersten Testphase auch im österreichischen
Schulwesen in Erprobung.
Im universitären Bereich finden bereits weltweit
zugängliche Vorlesungen über Netzwerke statt, wo während
der Vorlesung per E-Mail Fragen gestellt werden können, die
nach Ende des Vortrags beantwortet werden. In einigen Fällen
findet auch ein online-chattering statt, es wird (derzeit noch
mit einfachen Mitteln) zeilenweise Dialog über Bildschirm
geführt.
3. Teleconferencing
Die "virtuelle Konferenz" Fachkonferenzen,
speziell im EDV-Bereich, überschwemmen den Markt. Um ständig
auf dem laufenden zu bleiben, wären 50 % der Arbeitszeit
für Reisen und Teilnahme an Tagungen, Seminaren und Tutorials
aufzuwenden! Daher geht der Trend im Netzwerkbereich zu virtuellen
Konferenzen und Tutorials [2], die nur über Netzwerk (z.
B. INTERNET) abgehalten werden. In anderen Fällen erfolgt
die Vorbereitung, bis zur Präsentation der Vorträge
im Netzwerk, und als Abschluß wird eine zeitlich reduzierte
(face-to-face) Schlußkonferenz abgehalten.
4. Tele-training
Kaum eine Firma, ob Mittelbetrieb oder Großkonzern,
kann in Zeiten kritischer Wirtschaftsdaten, ohne zu überlegen,
in die Aus- und Weiterbildung seiner Mitarbeiter investieren.
Dabei spielt der Kostenfaktor der (zum Teil eher teuren) Weiterbildungskurse
nicht die wesentliche Rolle! Bedeutend wichtiger ist die Problematik,
daß während der Lernphase keine Produktivität
der Mitarbeiter vorliegt. Gefragt ist eine flexible Methode, die
in auftretenden Lehrläufen des normalen Berufslebens eine
Weiterbildung gestattet: Tele-training. Zusätzlich zum CBT
tritt der Vernetzungsaspekt in den Vordergrund: In einer zunehmenden
Zahl von Servern werden Kurse international angeboten. Mit multimedialer
Technik, individuell auf die Lerngeschwindigkeit und die zeitliche
Verfügbarkeit des Schülers eingestellt, kann ein vordefiniertes
Unterrichstziel erreicht werden.
5. Gegenwart und Zukunft: Der Data-Highway--Realität
und Vision
In Kooperation zwischen dem Unterrichts- und dem
Wissenschaftsministerium entsteht derzeit im österreichischen
Bildungswesen eine Telekom-Infrastruktur unter Verwendung von
INTERNET, die in Europa beispielgebend ist [3]. Ressort- und sektionsübergreifend
wurde in einem mehrstufigen Konzept die Realisierung eines flächendekkenden
Zugangs österreichischer Universitäten und Schulen in
Angriff genommen. Durch die gemeinsame Nutzung staatlicher Ressourcen
ist die Durchführung dieses Konzepts trotz budgetärer
Engpässe möglich.
In einer ersten Pilotphase wird der INTERNET-Zugang
für 50 Schulen realisiert, verteilt über verschiedene
Schultypen und mit verschiedenen Techniken: die Anbindungen reichen
von einfachen SLIP-Zugängen über ISDN-Anschlüsse
bis zu Standleitungstechniken. Sollte nach Ende der Pilotphase
Ende 1995 grünes Licht für die weitere Schulvernetzung
gegeben werden, so wird das derzeit getestete Stufenkonzept weitere
Schulknoten entstehen lassen. In der Pilotphase werden in Wien
und Wr. Neustadt Schulknoten getestet, die weiteren Schulen einen
INTERNET-Zugriff erlauben sollen.
In Zusammenarbeit mit dem ACOnet ist damit ein weiterer
Schritt zum österreichischen Ausbildungsnetz EDUnets erfolgt.
Bekanntlich bedeutet eine gemeinsame Nutzung von
Datenwegen eine Kostenreduktion für den einzelnen. So kostet
die Aufstockung eines Übertragungswegs um den Faktor 30 nur
eine etwa dreifache monatliche Belastung. Ähnliche Überlegungen
gelten für ein Service-Sharing, d.h. gemeinsam finanzierte
Zentren führen Fernwartung, (Tele-) Schulung, Updateservice
usw. äußerst kostengünstig und effizient durch.
Das erste Zentrum dieser Art wurde mit dem KEM in Wien realisiert.
In vielen Bereichen werden die Begriffe INTERNET
und Data-Highway in einem Atemzug genannt. Auf der einen Seite
ein weltumspannendes Netzwerk mit mehr als 4 Millionen Rechnern
im Verbund, und einem geschätzten erreichbaren Benutzerkreis
von etwa 50 Millionen.
Auf der anderen Seite stehen Begriffe wie Breitband-ISDN
und ATM, also Techniken, die derzeit eine Übertragungsrate
von 622 MB/s gestatten. (Im Laboratorium werden derzeit bereits
2-GB-Strecken getestet.) Gleichzeitig zeigen praktische Erfahrungswerte,
daß eine Datenübertragung von File-Servern aus den
Vereinigten Staaten durchschnittlich mit 5 KB/s bis 10 KB/s zu
erreichen ist. Angesichts der Zuwachsraten an Interessenten im
INTERNET, bedingt durch die Begriffe WWW-Surfen, Data-Highway,
Videoon-demand usw., ist ein Kollaps der Datenübertragungswege
abzusehen. Ein erster Schritt in eine Verbesserung der Infrastruktur
bietet Euro-ISDN. Mit der Liberalisierung des Fernmeldegesetzes
werden neben der Post weitere Telekommunikationsanbieter auftreten:
von den Elektrizitätsversorgungsunternehmen über die
ÖBB bis zu den Betreibern vorhandener Netze wie Kabelfernsehen
oder auch bereits bestehender Datennetze großer EDV-Hersteller.
Besondere Zielgruppe auch dafür ist der Ausbildungsbereich:
kurze Videosequenzen liegen auf Video-Servern, die ein neuartiges
Unterrichtsmaterial darstellen. In heute noch nicht bekannter
Aktualität wird Information multimedial angeboten - mit der
Tatsache, daß viele Neuigkeiten auch dem Lehrer unbekannt
sein werden! Damit wird sich auch das Lehrerprofil deutlich ändern
müssen: von der Präsentation des Wissens kommt es zur
gemeinsamen Erarbeitung von Neuem! In der Leistungsbeurteilung
wird der Trend noch deutlicher als bisher weg vom Reduplizieren
von Wissen hin zur Fähigkeit des Arbeitens mit Objekten führen--Teamarbeit
und Anpassungsfähigkeit an neue Situationen sind gefragt.
6. Ausblicke
Derzeit befindet sich die Telekommunikation in einer
Umbruchphase und Aufbruchsstimmung. Kein anderer Bereich der Wirtschaft
zeigt Zuwachszahlen in ähnlicher Höhe. Wir sind erst
am Anfang dieser Entwicklung - getragen von einer neuen Infrastruktur
werden zaghaft und äußerst vorsichtig Anwendungen sichtbar.
Besonders im Bereich der Ausbildung ist darauf Rücksicht
zu nehmen, daß die nächste Generation nicht nur die
technischen Voraussetzungen, sondern auch die inhaltliche Verantwortung
für eine Telekommunikationsgesellschaft mitbringt, damit
die neuen Wege des Informationsaustausches neue Chancen eröffnen
und nicht in einem Informationswirrwarr und intellektuellem Disaster
enden!
Schrifttum
- BRUCE SCHNEIER: E-Mail Security, ISBN-0-471-05318-X.
- Road-Map über INTERNET im 1. Quartal 1995.
- Pressemappe anläßlich der Eröffnung
des KEM (Kommunikationszentrum f. elektronische Medien) am 7.
Oktober 1994 durch BM Dr. R. SCHOLTEN
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